An diesem Morgen macht Georg Vievers das, was er praktisch jeden Morgen tut: Um 7:30 Uhr schreitet er über den Rasen des Stadions im Borussia-Park, der Heimat des Fußball-Bundesligavereins Borussia Mönchengladbach. Er geht hier und dort in die Hocke, inspiziert das Gras kritisch – und bemerkt einen Pilzbefall. Vievers, 51, streicht über etwas, das wie ein Spinnennetz aussieht und greift zum Smartphone. „Wir haben einen leichten Pilzbefall und müssen jetzt als Erstes den Morgentau abziehen. Kommt bitte her!“

Wenig später rücken zwei seiner Greenkeeper-Kollegen mit einem Stahlseil an und ziehen den Morgentau komplett vom Rasen ab. Das ist nötig, um dem Pilz seine Grundlage zu nehmen, die Feuchtigkeit. „Wenn wir nicht sofort reagieren, kann die 8.000 Quadratmeter große Rasenfläche in drei bis vier Tagen hinüber sein“, erklärt Vievers. Ein Alptraum für jeden Greenkeeper und teuer für den Verein. Ein kompletter Rasentausch kostet rund 100.000 Euro.

Während Vievers die Gefahr schildert, sind die Kollegen aus dem Greenkeeper-Team schon fertig mit dem Abziehen. Kein Morgentau mehr auf dem Platz. Georg Vievers vergewissert sich noch einmal. „Super, hat geklappt.“

Ein Profi für den Stadionrasen

Georg Vievers weiß, wovon er spricht. Er hat viele Jahre als Baumschulgärtner gearbeitet, ehe er 2004 bei Borussia Mönchengladbach anheuerte. Ein Traumjob für den dreifachen Familienvater und gebürtigen Rheinländer. Seit Kindertagen ist er glühender Anhänger von Borussia Mönchengladbach und war einige Jahre sogar Mitglied in einem Fanclub. Und mindestens genauso lange hat er Erfahrung in Sachen Rasenpflege.

Vievers’ Vater war „Head Greenkeeper“ bei den britischen Soldaten, die in Brüggen-Bracht einen Militärstützpunkt hatten. Einst half der Sohn dem Papa in den Sommerferien, die Golfplätze der Army zu pflegen. Als die Borussia 2004 das schnuckelige altehrwürdige Bökelbergstadion verließ, um auf das riesige Areal des Borussia-Parks zu ziehen, wurde er hellhörig. Er dachte sich: Wer so ein großes Gelände bewirtschaften will, braucht Bäume. Also beschnitt er ein paar Linden in Rauten-Form, sodass sie an das Vereinswappen erinnerten. Er fotografierte die Eigenkreationen und schickte sie einem Mitarbeiter der Borussia.

Das mit den Bäumen hat nicht funktioniert, Vievers wurde dennoch eingestellt – zunächst als Rasenpfleger. Seit 2011 ist er Greenkeeper, ein Begriff, der seinen Ursprung im Golfsport hat. Seit sieben Jahren gibt es ihn auch im Fußball. Um den Anforderungen im Profigeschäft gerecht zu werden, absolvierte Georg Vievers eine Fortbildung an der Deutschen Lehranstalt für Agrartechnik (DEULA). Seither ist er Fachagrarwirt in Sportstätten und Freianlagen – und leitet das 13-köpfige Greenkeeper-Team, bestehend aus Agrarwirten und Garten- und Landschaftsbauern. Gemeinsam kümmern sie sich um eine Fläche von 28 Hektar. Dazu gehören sechs Naturrasen- und drei Hybridplätze mit einem Umfang von 90.000 Quadratmetern.

 Greenkeeping ist Wissenschaft

Das Auge ist sein wichtigstes Werkzeug. „Jeden Morgen laufe ich über alle Rasenflächen und entnehme Proben“, sagt Vievers. Er beginnt mit dem Stadionrasen, schneidet mit einem Taschenmesser ein kleines Quadrat aus dem satten Grün und betrachtet die einzelnen Schichten. Vor allem möchte er wissen, wie lang und fest die Wurzeln sind. Bei allem, was den Rasen anbelangt, muss er genaue Angaben der Deutschen Fußball Liga (DFL) beachten. Nabendichte, Wasserdurchlässigkeit, Ebenflächigkeit und Scherfestigkeit sind exakt vorgegeben. Um zu beweisen, dass er sich an die Richtlinien hält, wird mehrmals im Jahr gemessen und das Ergebnis an die DFL geschickt. Zum Beispiel muss der Rasen zwischen 25 und 28 Millimeter hoch sein.

Das Schlimmste, was man einem Stadionrasen antun kann, ist, ihn mit Straßenschuhen zu betreten. Die große Gefahr: Krankheitsherde, die von den Schuhsohlen auf das Gras übertragen werden. „Deshalb muss jeder seine Treter mit Wasser abwaschen, bevor er den Rasen betreten darf“, sagt Vievers und steckt das vorhin herausgeschnittene Rasenstück wieder in die Erde. Rasenstücke zurück in die Erde legen, das macht er auch in der Halbzeitpause eines Bundesligaspiels. Einmal hat er dabei eine Maus entdeckt. „Die sprang plötzlich aus einem der Löcher und flitzte über den Rasen. Ich lief hinter ihr her, hab sie geschnappt, in meine Jackentasche gesteckt, bin aus dem Stadion gelaufen und habe sie freigelassen“, erinnert er sich.

Im Stadion wird gemäht wie zu Hause

Nun betreten drei seiner Greenkeeper-Kollegen das Spielfeld und mähen den Rasen mit Handrasenmähern. „Nächste Aufgabe: Rasenmähen. Während der Bundesligasaison machen wir das unter Umständen täglich, in der Sommerpause jeden zweiten Tag“, sagt Vievers. Erstaunlich, dass eine so große Fläche mit derart kleinen Maschinen bearbeitet wird. „Schwerere Geräte erzeugen meiner Meinung nach zu viel Stress. Das will ich dem Rasen nicht antun.“

Etwa drei Stunden später ist der Rasen gemäht, wird ausgiebig bewässert. Da es gerade sehr sonnig ist und der Rasen ausreichend Licht und Wärme hat, kommt die große LED-Beleuchtungsanlage nicht zum Einsatz. Sie wurde von einem Privatunternehmer in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME in Aachen entwickelt und sorgt dafür, dass der Stadionrasen auch im Herbst und Winter genug Licht bekommt. „Dass wir solche Geräte haben, ist natürlich der größte Unterschied zu privaten Rasenflächen“, stellt Vievers fest.

Ganz gleich, ob heimischer Rasen im Garten oder Fußballstadion: Man muss regelmäßig vertikutieren. Die Grasnarbe wird angeritzt, um Moos und Rasenfilz zu beseitigen und die Graswurzel mit Sauerstoff zu versorgen. So wird der Rasen dichter. Vievers und sein Team machen das mit einem Vertikutierer, der elektrisch angetrieben wird. Danach muss der Rasen nachgesät, gedüngt und bewässert werden. Nun ist der tägliche Dienst im Stadion erledigt, weiter geht es auf allen anderen Trainingsflächen der Profis und Jugendmannschaften. Sind auch die kontrolliert, gemäht, vertikutiert und bewässert, fährt er nach Hause ins niederrheinische Dörfchen Oberkrüchten. Dort lebt er in einem Einfamilienhaus mit großem Garten.

Der Meister im eigenen Garten

„Zu Hause dünge ich nur den vorderen Teil des Gartens, hinten mache ich gar nichts. Dort lasse ich die Natur schalten und walten. Zumal mein Hund Thyson sowieso seine Spuren hinterlässt und viel herumgräbt“, sagt Vievers. Der Familienvater überlässt das Mähen ab und zu seinem jüngsten Sohn (12). Seine Frau, die als Floristin arbeitet, kümmert sich um die Pflanzen und Blumen. Statt den Rasen zu pflegen, angelt er lieber in seiner Freizeit. „Meistens an einem Forellenteich ganz hier in der Nähe. Da gibt es leckere Lachsforellen.“

Doch bevor er mit der Angelrute das Haus verlässt, holt Georg Vievers den Rasenmäher aus der Garage. „Heute übernehme ich das mal. Das sieht hier ja aus wie Kraut und Rüben. Mein Sohnemann hatte wohl Besseres zu tun“, sagt er und grinst schelmisch.