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Auf das Trendwort Minimalismus wurde ich zum ersten Mal aufmerksam, als ich aus einem Flugzeug stieg und im Shuttlebus eine Zeitschrift las: „Weniger ist mehr!“, stand da sinngemäß, „Schluss mit dem Kaufrausch! Weg mit dem Plunder!“ Ich schnappte mir meinen halb vollen Koffer und fuhr in meine spärlich eingerichtete Wohnung, in der nichts auf mich wartete als ein kuscheliges Bett, ein Gästesofa und ein paar Weingläser. Hoppla! Ich war nach einigen Auslandsaufenthalten selbst zur Minimalistin geworden, ohne es überhaupt zu bemerken.

Illustration: C3 Visual Lab

Das war im Jahr 2014, als der Trubel um Minimalismus, Entrümpelung und „Simplify your life“ gerade erst losging. Wie konnten diese Themen zu einer solchen globalen Trenderscheinung werden? Warum sehnt sich die Gesellschaft nach Leichtigkeit und mehr Raum? Womöglich weil eine Informationsflut herrscht, die niemand mehr absorbieren kann. Man wird ununterbrochen mit maßgeschneiderter Werbung bombardiert, das ganze Leben dreht sich um Schnelligkeit, Effizienz und stimulierende Impulse. Im digitalen Zeitalter passiert alles überall, alles scheinbar gleichzeitig. Man kann rund um die Uhr miteinander kommunizieren, Meetings organisieren und nebenbei noch schnell Einkäufe tätigen. Schon 2011 musste der Mensch einer Studie zufolge fünfmal so viele Informationen aufnehmen wie im Jahr 1986. Und das ist mittlerweile acht Jahre her.

Diese Hektik spiegelt sich auch in einem zusätzlich angefeuerten Konsumverhalten wider. Gewiss ist der Mensch durch die Evolution darauf ausgerichtet, möglichst viele Dinge zu horten. Unsere Vorfahren mussten für Notzeiten vorsorgen und Lebensmittelvorräte anlegen. Es ergibt aus evolutionstechnischen Gründen wirklich Sinn, dass man „immer mehr“ will, aber diese Ressourcenknappheit ist in der westlichen Welt bekanntlich längst vorbei. Der nächste Supermarkt ist einige Gehminuten entfernt, und sobald der Winter einbricht, springt die Heizung an. In der heutigen Zeit gibt es keine rationalen Gründe mehr, sich an Objekte zu klammern oder Dinge zu horten.

Viele Menschen stürzen sich trotzdem auf Gegenstände und messen ihnen eine überproportionale Bedeutung bei. Neue Möbel, neue Kleider, neue Accessoires - alles schön und gut. Aber warum machen sie das? Um sich zu belohnen und die unangenehmen Seiten des Alltags hinter sich zu lassen. Man verspricht sich von neuen Anschaffungen ein höheres Maß an Lebensqualität und versucht dabei nicht allzu selten, eine unverortbare Leere zu füllen. Ich schließe mich selbst ein, denn am Black Friday klicke ich mich gebannt durch reduzierte Kleidung und Elektrogeräte, obwohl ich am Vortag noch gar nicht wusste, dass ich diese Dinge überhaupt brauchen würde. Wer sein Konsumverhalten kritisch beäugt, wird sich eingestehen müssen, dass „brauchen“ in der heutigen Zeit von „haben wollen“ abgelöst wurde.

Alle flüstern uns ein, dass wir noch mehr brauchen

Eigentlich ist es kein Wunder, dass Konsum so reizvoll ist, denn die Werbeindustrie verbreitet schon seit 100 Jahren die gleichen Botschaften: „Damit fühlst du dich besser! Du bist nur einen Schritt von Freiheit, Sorglosigkeit, Schönheit, Perfektion und Glückseligkeit entfernt!“ Leider hat die Forschung eine unangenehme Entdeckung gemacht: Als Konsument erlebt man zwar direkt nach dem Kauferlebnis einen Adrenalinrausch und fühlt sich tatsächlich glücklicher, doch schon nach wenigen Stunden ist das Hochgefühl wieder verflogen. Wenn man sich diese Kurzlebigkeit einmal bewusst macht, hat ein Shopping-Ausflug wenig mit Selbstliebe und „Gönn dir was“ zu tun. Vielmehr schaut der Konsument einer bunt schimmernden Seifenblase hinterher, die immer wieder neu aufgepustet werden will.

Obwohl dieser kräftezehrende Wettlauf kurzzeitig befriedigen kann, führt er nach einigen Jahren in eine zermürbende Endlosschleife: mehr Geld, mehr Konsum, mehr Arbeit. Die Tragik dahinter ist den meisten Menschen gar nicht bewusst, denn mit jeder Gehaltserhöhung erhöht sich auch der Lebensstandard. So arbeitet man noch härter, um tröstende Belohnungen zu genießen. Ist es nicht an der Zeit, aus diesem Hamsterrad auszusteigen und zu einem selbstbestimmten Leben zurückzufinden? Und wäre es nicht klüger, andersherum zu denken – weniger Geld, weniger Konsum, weniger Arbeit? Weniger Besitz führt zu reduzierten Folgekosten für Instandhaltungen, Reparaturen oder Versicherungen. Verminderter Konsum führt letztendlich dazu, dass man tendenziell eher langlebige Gegenstände kauft, die nicht nach dem zweiten Gebrauch zerfleddern.

Illustration: C3 Visual Lab

Wie brutal muss Minimalismus sein, um Sinn zu ergeben?

Die amerikanische Soziologin Juliet Schor, die sich auf das Thema Konsumentenverhalten spezialisiert hat, vertritt in diesem Zusammenhang eine interessante Ansicht: Sie ist tatsächlich der Meinung, dass die heutige Konsumgesellschaft in Wahrheit „nicht materialistisch genug“ sei. Sie beschreibt, dass Konsumenten sich nicht genug mit dem Material eines erworbenen Gegenstandes auseinandersetzen, mit Qualität, Herkunft, Herstellungs- und Fertigungsprozessen. Dies solle aber geschehen, bevor die Kaufentscheidung getroffen wird.

Ich fand sofort Gefallen an dieser Vorstellung: Wäre es nicht viel angenehmer, ein Kleidungsstück oder neue Möbel achtsam wahrzunehmen, die Oberflächenbeschaffenheit zu fühlen, bevor man es kauft? Dies hätte zur Folge, dass man bedachter einkauft und hochwertige Gegenstände auswählt, die einige Jahre überstehen. Weniger konsumieren und dafür Waren von besserer Qualität bevorzugen – das ergibt viel Sinn. Allerdings ist der gängige Minimalismus-Begriff nicht ganz so praktikabel: Dieser Lebensstil hat ein Imageproblem, wenn er in Büchern, Blogs und Zeitschriften diskutiert wird. Es gibt Blogger, die sich damit rühmen, dass sie zu keinem Zeitpunkt mehr als 100 Gegenstände besitzen dürfen. Viele sehen Besitztümer generell als etwas Negatives an, und radikale Geister verbinden Minimalismus mit selbstgeißelndem Verzicht, Frugalismus und schwindender Lebensfreude. Das klingt für mich unsinnig, lebensfern und recht brutal. Muss ich wirklich alte Erbstücke wegwerfen oder Geschenke meiner Freundin entsorgen, um minimalistisch zu leben? Nein, ich möchte meine Vintagetasche aus den 80er-Jahren nicht hergeben. Und ja, ich fühle mich mit dem eingerahmten Ultraschall-Bild meines Patenkindes auf einer tieferen Ebene verbunden.

Mit dieser Alles-oder-nichts-Theorie konnte ich als moderne „Zufalls-Minimalistin“ wenig anfangen, also habe ich eine praktikablere Philosophie angewendet, die von der japanischen Ordnungsexpertin Marie Kondo inspiriert ist. Das Prinzip ist einfach: Ich selektiere alle hochwertigen und bedeutungsvollen Besitztümer aus und behalte nur noch Kleidungsstücke, Bücher und Vasen, an denen ich mich wirklich erfreue – all die Dinge, die ich tatsächlich lese, trage, anfasse, verwende und in mein tägliches Leben integriere. Den restlichen Plunder kann ich entsorgen, spenden oder verschenken. Hauptsache weg damit! Das klingt nun womöglich etwas radikal, aber – Hand aufs Herz – wer liest noch zerknitterte Bedienungsanleitungen, wenn man in Sekundenschnelle googeln kann, wie eine Druckerpatrone eingelegt wird? Und wer verwendet noch das Ladekabel vom alten iPhone 3G, das längst auf dem Schrott gelandet ist? Weg mit dem Plunder.

Der neue Freiraum, der sich nach dem Entrümpeln in den eigenen vier Wänden entfaltet, ist wahrer Luxus. Endlich kann man alle Gegenstände ins Rampenlicht rücken, die sorgsam ausgewählt, bedeutend und wertvoll sind. Es sind die, für die man sich bewusst entschieden hat und die ein Lächeln ins Gesicht zaubern – vom selbst gebastelten Kalender des Patenkindes bis hin zu sündhaft teuren Lederschuhen. Wohnideen für Minimalisten gibt es zu Hauf. Man muss sich einfach an die goldene Regel halten: Alles, was in die Wohnung oder ins Haus hereingetragen wird, wandert in gleichen Proportionen wieder hinaus. Egal, ob es Möbel, Kleidungsstücke oder Dekorationsartikel sind.

Weniger Material, mehr Raum zum Atmen im Alltag

Ein Beispiel: Ich habe mir drei neue Kleider gekauft – also wandern drei Kleidungsstücke, die ich seit Jahren nicht mehr angerührt habe, direkt in die Kleiderspende. Das ist für mich kein brutaler, sondern ein ästhetischer Minimalismus. Ich bestimme ganz allein, was für mich und mein Leben wertvoll ist. Ich lege meine individuellen Maßstäbe fest und sage Ja zu allen Dingen, an denen ich mich langfristig erfreue.

So kann man sich nicht nur von materiellem Überschuss befreien, sondern auch von überspitzten Erwartungen und Per­fektionismus. Charlie Chaplin trug zu seinem 70. Geburtstag einen Vers vor, der dies wunderbar zusammenfasst: „Als ich mich selbst zu lieben begann, befreite ich mich von allem, was nicht gut für meine Gesundheit war, von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von allem, was mich hinunterzog.“ Ich habe mich dazu entschieden, nicht 70 Jahre lang auf dieses befreiende Gefühl zu warten. Und es fühlt sich wahnsinnig gut an. Ich konnte in meiner entrümpelten Wohnung, ­irgendwo zwischen meiner Couch und den drei Weingläsern, sogar noch etwas anderes finden – endlich Stille im Kopf, Luft zum Atmen und neu gewonnene Lebensenergie.