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Der Garten von Meike Winne­muth zeigt eine wilde Blumen­pracht: Blauer Rittersporn, gelbe Lupinen und rosafarbener Storchschnabel sprießen zwischen unzähligen Sträuchern und Wildobstbäumen hervor. Der Garten ist vollständig von großzügig bepflanzten Beeten umrahmt, weiter hinten schlängelt sich ein Rasenweg um eine Gräserwolke herum. Wenn man auf der Terrasse steht, gleitet der Blick durch ein summendes, brummendes Naturschauspiel bis zum Ende des Grundstücks. Dahinter geht das Grundstück fast nahtlos in den angrenzenden Wald über. „Von Woche zu Woche ändert sich dieser Anblick, denn irgendwas blüht wieder auf oder geht ein. Was eben noch purpurfarben war, ist jetzt schon wieder grün“, sagt Meike Winnemuth mit leuchtenden Augen. „Mein Garten hat sein Eigenleben. Dort hinten habe ich lilafarbenen Salbei angepflanzt, und daneben hat sich orangeroter Mohn ausgesät. Das kam von ganz alleine, wahrscheinlich von den Vögeln oder einfach vom Wind.“

Es scheint beinahe, als wurde die Gärtnerin selbst vom Wind hierher getragen, an diesen kleinen beschaulichen Ort an der Ostsee. Meike Winnemuth, die bekannte Journalistin, die 2010 bei „Wer wird Millionär“ eine halbe Million Euro gewann, hat in ihrem Garten im wahrsten Sinne des Wortes Wurzeln geschlagen. Nach ihrem Gewinn bei Günther Jauch umreiste sie die Welt und lebte in Städten wie Sydney, Kopenhagen oder Tel Aviv. Doch die Sehnsucht nach Heimat und festem Boden unter den Füßen wurde immer größer. Der Wendepunkt kam eines Tages in aller Stille: Winnemuth wanderte am hawaiianischen Strand entlang und beobachtete, wie ein Mann mit seinem Hund aufs Meer blickte. „Ich erkannte, dass dieser Mann dort ein echtes Leben hatte. In diesem Moment habe ich mich so heimat- und wurzellos gefühlt, denn ich war immer nur auf der Durchreise.“ Als sie den zufriedenen Mann mit seinem Hund sah, offenbarte sich ihr die Kraft, die ein Mensch durch Sesshaftigkeit und Heimat erfahren kann.

Als freie Journalistin blickte sie schon vor ihrer Weltreise auf wechselnde Wohnungen und unstete Arbeitsplätze zurück. „Ich war schon immer sehr gut im Aufbrechen, aber niemals im Ankommen und Bleiben. Das wollte ich ändern, und eines wusste ich: Heimat muss man sich schaffen.“ Und so kam es zu ihrem neuen Projekt: Boden unter den Füßen finden und ihn idealerweise selbst dorthin schaufeln. Einen eigenen Garten anlegen, Gemüse und Obst anbauen, alles gedeihen und wachsen lassen.

Mit einem Handschlag kaufte Winnemuth ein kleines Häuschen mit einem rund 800 Quadratmeter großen Garten an der Ostsee. Zum Jahreswechsel 2017/2018 beschloss sie, ihrer Wohnung in Hamburg den Rücken zuzukehren und ein ganzes Jahr im Garten zu verbringen. Nicht alleine, sondern mit ihrem aufgeweckten Foxterrier Fiete. Es war ein Experiment, denn die Hobbygärtnerin wollte ohne großes Vorwissen Tomaten, Kartoffeln, Wildspargel und Bohnen anbauen. Bei der Vorbereitung verließ sie sich auf Bücher, YouTube-Tutorials, Gartenzeitschriften so-
wie britische Radiosendungen. Ihre alltäglichen Gedanken und Aha-Erlebnisse hat Winnemuth in ihrem neuen Buch „Bin im Garten“ festgehalten. „Ich war kein Profi und habe einfach mit dem Gärtnern angefangen“, erzählt sie. Ihre Devise habe dabei stets gelautet: Einfach machen! „Die meisten Leute haben große Bedenken und sagen: ‚Ich verstehe überhaupt nichts davon, darf ich überhaupt Löcher graben?‘ Ja, die Natur verzeiht wirklich viel und liebt Idioten wie uns!“

Mit einer entspannten und lockeren Herangehensweise mache das Gärtnern ohnehin viel mehr Spaß, ohne Erfolgsdruck oder nervenaufreibende Vergleiche mit dem Nachbarn. Das ist auch schon die erste Lektion des Gärtnerns: Nicht über den Gartenzaun schauen. Jeder Garten ist anders beschaffen und wie im echten Leben bringen Vergleiche nur Unglück dorthin, wo es nicht hingehört. Jeder Garten, jeder Körper und jedes Individuum sind auf eine eigene Art und Weise vollkommen.

Im Allgemeinen lerne man beim Gärtnern fürs Leben, sagt Winnemuth. Sie musste verwundert feststellen, wie lange eine Möhre zum Wachsen braucht. „Ich bin extrem ungeduldig und sehe gerne schnell Ergebnisse. Also habe ich anfangs den Fehler gemacht und die Möhren aus der Erde gezogen, um mir den Fortschritt anzusehen. Das sollte man lassen.“

Die alte Weisheit hat sich also bewährt: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Meike Winnemuth musste eine Engelsgeduld erlernen und einsehen, dass nicht alles kontrollierbar ist. Eine gute Ernte hängt von Naturlaunen ab, die man nicht steuern kann, wie dem Wetter oder der Bodenbeschaffenheit. Man stößt auf unerwartete Hindernisse: „Ich habe Dahlien vorgezogen und dann entdeckt, dass sie von Schnecken runtergefressen wurden. So macht Gärtnern wirklich keinen Spaß.“ Nach ihrem bewaffneten Kampf gegen den Schneckenbefall hat sie dann endlich das Wundermittel entdeckt: Winnemuth streicht ihre Pflanzenkübel mit dem Mittel Schnexagon ein, das ist ökologisch unbedenklich und funktioniert tatsächlich.

Im Garten sprießt und gedeiht es nun in allen Farbfacetten. Die Autorin könnte sich aus ihren Beeten sogar mehrere Wochen selbst versorgen. „Ich baue gerne Gemüsesorten an, die man nicht kaufen kann, wie blaue Kartoffeln oder violett gesprenkelte Stangenbohnen“, erzählt sie. Ein normales Gericht à la Winnemuth ist ein Teller Spaghetti und ein frischer Gartensalat mit Tomaten, roten Zwiebeln und Knoblauch. Dazu reicht sie gerne Pesto aus Radieschen oder Petersilie. Das Kräuterbeet beschenkt sie reichlich mit Salbei, Minze, Rosmarin, Petersilie, Knoblauch und Basilikum. „Es war wirklich ein schöner Moment, als ich zum ersten Mal zu meinen Freunden sagen konnte: ‚Kommt, ich koche uns was aus dem Garten‘“, schwärmt sie.

Obwohl Meike Winnemuth schon viele Köstlichkeiten aus der Erde gezogen und einiges dazugelernt hat, gibt es noch offene Baustellen. Der türkisblaue Tibet-Scheinmohn ist Winnemuths Lieblingspflanze, will aber einfach nicht gedeihen: „Das ist ein wahnsinnig schöner Mohn, aber ich verzweifle regelmäßig daran.
Er will kühl und windgeschützt stehen, braucht viel Wasser, verträgt andererseits aber keine Staunässe und stirbt mir immer wieder weg.“ Das solle aber niemanden vom Gärtnern abhalten, denn es gebe auch Pflanzen, die jedem Anfänger gelingen. „Katzenminze funktioniert immer: Sie blüht in schönem Lila und ist nahezu unzerstörbar. Nach der Blüte schneidet man die Pflanze einfach runter, ein paar Wochen später blüht sie ein zweites Mal.“

Wer mit dem Gärtnern anfangen will, sollte sich auch die Gegebenheiten ansehen: Welche Eigenschaften hat der Boden? Ist er lehmig oder sandig? Sauer oder alkalisch? Davon hängt größtenteils ab, welche Pflanzen man in die Erde setzen kann. „Es macht keinen Sinn, gegen die Natur zu arbeiten“, rät Winnemuth. Ebenso wichtig ist die Sonneneinstrahlung: Liegt der eigene Garten im Schatten oder gibt es dort reichlich Sonne? Ist das Klima eher verregnet oder trocken? „Idealerweise beobachtet man ein halbes Jahr lang, was da vor sich geht. Ich habe das Glück, hier an der Ostsee ein mildes Meeresklima zu haben“, sagt die leidenschaftliche Gärtnerin. „Es ist aber verrückt, meine Nachbarin hat einen ganz anderen Boden. Die gleichen Pflanzen blühen bei mir erst 20 Tage später.“

Rivalität gibt es dennoch nicht, denn an diesem Fleckchen Erde hilft man sich gegenseitig, tauscht Setzkartoffeln aus, leiht sich Werkzeuge. „Das Nachbarschaftsverhältnis ist wirklich toll“, sagt Winnemuth, während sie ihren Foxterrier streichelt.

Der Garten ist bei der freiheitsliebenden Autorin gewissermaßen ein Spiegel der Seele. Ihre Stauden versorgen sich selbst und bleiben auch im Herbst abgeblüht stehen. „Viele Menschen wollen einen cleanen Garten haben. Ich lasse lieber alles stehen, weil die Samenstände für Vögel und Insekten wichtig sind.“ Sie schneide die Stauden erst im Februar runter, kippe im Frühjahr ein wenig Kompost drauf, und das war es auch schon. Bei schlechtem Wetter bleibt sie auf dem Sofa, liest Gartenratgeber oder kümmert sich um ihre Saatschalen. „Die Natur sagt mir im Winter: Geh wieder rein, du hast hier noch nichts zu suchen.“

Wenn man einen Garten klug anlegt, habe man gar nicht so viel Arbeit, sagt Winnemuth. Ihren Rasen lässt sie im Hochsommer verdorren, anstatt das knappe Regenwasser oder gar das Trinkwasser zum Rasensprengen zu verwenden. Sie bevorzuge wilde Gärten mit vielen Gräsern und lässt sich bei der Gestaltung von freien Geistern wie dem niederländischen Landschaftsgärtner Piet Oudolf inspirieren. Er arbeitet mit Wildblumen oder Präriepflanzen, schafft durch zarte Gräser mehr Leichtigkeit und Transparenz. Oudolf will die Landschaft zurück in den Garten holen und der Natur mehr zutrauen, sie einfach gedeihen lassen. Dieser Gartenstil hat sich in den letzten Jahren etabliert: nicht penibel geschnitten und geometrisch geformt. Einfach wachsen lassen, die Kontrolle abgeben und für die Seele gärtnern.

„Das mache ich hier auch so, und bei mir summt und brummt es“, sagt Meike Winnemuth zum Abschluss des Besuches. „Es ist kein Problem, als Frau alleine um die Welt zu reisen oder einen Garten mit zehn verschiedenen Tomatensorten anzulegen. Einfach anfangen! Einfach machen!“ Mit dieser Philosophie hat sich die Autorin ein kleines Paradies an der Ostsee erschaffen. Und nun ist sie die selige Frau, die mit ihrem Hund aufs Meer blickt.