Herr Dr. Bürger, welche Technologien können im Gebäudesektor zur Klimaneutralität führen?
Die Szenarien sind inzwischen erstaunlich eindeutig: Es gibt zwei zentrale Säulen. Erstens die dezentrale Wärmepumpe – vor allem im Ein- und Zweifamilienhaus, zunehmend aber auch in Mehrfamilienhäusern. Zweitens die Fernwärme in dicht besiedelten Gebieten. Doch auch in der Fernwärme spielen Wärmepumpen eine wichtige Rolle, etwa als Flusswärmepumpen. Insofern ist die Wärmepumpe die Schlüsseltechnik.
Was macht Wärmepumpen denn so klimafreundlich?
Dass sie mit Strom betrieben werden. Der Strommix in Deutschland enthält Stand 2025 bereits 60 Prozent erneuerbare Energien – Tendenz steigend. Schon mit diesem aktuellen Mix verursacht eine Wärmepumpe im Vergleich zu einer modernen Gasheizung rund 50 Prozent weniger CO2. Und je grüner der Strom wird, desto besser fällt die Bilanz der Wärmepumpe aus. Erdgas bleibt dagegen immer fossil und dadurch klimawirksam.
Trotzdem entstehen mit dem aktuellen Strommix immer noch rund 330 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. Kann ich die Klimabilanz durch Ökostrom verbessern?
Wird lediglich vorhandener Grünstrom umverteilt, verbessert das rechnerisch die eigene Bilanz, aber nicht zwingend die Gesamtsituation im Strommix. Sinnvoller sind Tarife, die nachweislich den Ausbau erneuerbarer Energien fördern. Am wirksamsten ist eigener Solarstrom vom Dach – idealerweise kombiniert mit einem Batteriespeicher.
»Schon mit dem aktuellen Strommix verursacht eine Wärmepumpe rund 50 Prozent weniger Kohlenstoffdioxid als eine Gasheizung.«
Dr. Veit Bürger
Aber ausgerechnet im Winter, wenn die Heizung gebraucht wird, gibt es wenig Solarstrom. Macht das Wärmepumpen ineffizient?
Der Einwand ist richtig, aber immerhin lässt sich mit Speichertechnik ein spürbarer Anteil des Strombedarfs der Wärmepumpe durch Solarstrom vom eigenen Dach decken. Das senkt Kosten und verbessert die Klimabilanz. In vielen Einfamilienhäusern ist die Kombination aus Wärmepumpe, PV-Anlage, Batteriespeicher und großem Warmwasserspeicher daher heute schon Standard.
Wie viel Strom benötigt eine Wärmepumpe in einem Einfamilienhaus?
Nehmen wir ein durchschnittliches Einfamilienhaus mit 20.000 Kilowattstunden Jahreswärmebedarf – das entspricht etwa 2.100 Litern Heizöl oder rund 1.900 Kubikmetern Erdgas. Mit einer Wärmepumpe und einer Jahresarbeitszahl von 3,5 liegt der Stromverbrauch bei rund 5.700 Kilowattstunden im Jahr, also bei etwa einem Viertel.
Was bedeutet „Jahresarbeitszahl“?
Die Jahresarbeitszahl, kurz JAZ, beschreibt die Effizienz einer Wärmepumpe im tatsächlichen Betrieb. Eine Jahresarbeitszahl von 3,5 heißt: Aus einer Kilowattstunde Strom entstehen 3,5 Kilowattstunden Wärme. Dieser Wert ist heute im Bestandsbau eine übliche Größe. Im Neubau erreicht man aber durchaus auch eine Jahresarbeitszahl von 4 oder 5. Damit verringert sich der Stromverbrauch für die gleiche Wärmemenge – und der CO2-Ausstoß mit. Wichtig ist: Die Kennzahl hängt nicht nur vom Gerät, sondern auch vom Gebäude ab. Wer eine Wärmepumpe plant, sollte daher immer eine fachkundige Beratung in Anspruch nehmen.
Man braucht also eine gute Wärmedämmung für den klimafreundlichen Effekt?
Das muss nicht unbedingt der Fall sein. Zwar galt lange die Annahme, Wärmepumpen funktionierten nur in sehr gut gedämmten Häusern mit Fußbodenheizung. Praxiserfahrungen zeigen aber: Viele Bestandsgebäude kommen auch ohne sehr guten Dämmschutz mit niedrigeren Vorlauftemperaturen aus, als bisher gedacht. Das heißt, dass die Wärmepumpe einen geringeren Temperaturunterschied zwischen der Quelltemperatur, zum Beispiel der Außenluft, und der Temperatur des Wärmeträgers im Heizsystem ausgleichen muss, in der Regel Wasser. Ein geringerer Temperaturunterschied bedeutet weniger Energieverbrauch und weniger CO2-Ausstoß. Hier wirkt sich positiv aus, dass Heizkörper früher oftmals sehr großzügig dimensioniert wurden. Große Heizkörper mit entsprechend großer Oberfläche, über die die Wärme an den Raum abgegeben wird, können dazu beitragen, dass ein Gebäude bereits mit einer Vorlauftemperatur von 55 Grad ausreichend warm wird. Dieses Temperaturniveau gilt als Obergrenze für einen noch effizienten Betrieb einer Wärmepumpe. Oft reicht auch schon der Austausch einzelner Heizkörper, um die Vorlauftemperatur weit genug absenken zu können. Dennoch gilt, je besser der Wärmeschutz eines Gebäudes ist, desto effizienter arbeitet eine Wärmepumpe.
»Über die ganze Lebensdauer ist die Wärmepumpe klimafreundlicher als alle fossilen Alternativen.«
Dr. Veit Bürger
Wie stelle ich fest, ob meine Heizung mit geringerer Vorlauftemperatur auskommt?
Haus- und Wohnungsbesitzer, die sich mit der Regelung ihrer Heizung auskennen, können dies testen, indem sie an ihrer Heizungsregelung die Vorlauftemperatur schrittweise herunterdrehen und beobachten, ob es in den Räumen warm genug bleibt. Am besten macht man das in einer kalten Woche. Wenn die Räume auch bei einer Vorlauftemperatur von etwa 50 bis 55 Grad noch komfortabel warm werden, sind die Voraussetzungen für eine Wärmepumpe in der Regel gut. Aber ganz wichtig: Wer sich unsicher ist, sollte nicht selbst an der Heizkurve experimentieren, sondern unbedingt einen Fachbetrieb oder Energieberater hinzuziehen.
Woran erkennt man effiziente Geräte?
Hersteller geben sogenannte COP-Werte an – Effizienzkennzahlen aus dem Testbetrieb. Der COP-Wert wird unter bestimmten Normbedingungen ermittelt und beschreibt rechnerisch das Verhältnis von Wärmeleistung und eingesetzter elektrischer Energie. Je höher der COP-Wert, desto effizienter das Gerät. Genauso wichtig für die Effizienz ist jedoch auch die richtige Dimensionierung. Eine zu groß ausgelegte Wärmepumpe taktet häufig, das heißt, sie springt ständig an und aus und büßt dadurch an Effizienz ein. Bevor eine Wärmepumpe installiert wird, muss also die Heizlast des Gebäudes berechnet werden.
Nun gilt nicht nur die Wärmepumpe als klimafreundlich. Auch Pelletheizungen und künftig Heizungen auf Basis von grünem Wasserstoff zählen dazu. Wie schneidet die Wärmepumpe ihnen gegenüber ab?
Holz wird oft als klimaneutral bewertet, ist jedoch eine begrenzte Ressource. Zudem entstehen bei der Verbrennung von Holz Feinstaub und andere Emissionen. Grüner Wasserstoff wiederum wird zwar ebenfalls aus Strom erzeugt. Aus einer Kilowattstunde Windstrom entstehen aber nur etwa 0,6 Kilowattstunden Wärme, wenn man den Umweg über Wasserstoff geht. Mit einer Wärmepumpe werden daraus rund 3,5 Kilowattstunden Wärme. Effizienz, Verfügbarkeit und Kosten sprechen deshalb klar gegen den Einsatz von grünem Wasserstoff im Heizungskeller. Dieser Energieträger wird in der Industrie, zum Beispiel für die Stahlproduktion, dringender benötigt.
Wie fällt die Klimabilanz einer Wärmepumpe über die gesamte Lebensdauer aus?
Die Emissionen entstehen überwiegend im Betrieb. Herstellung und Entsorgung spielen im Vergleich eine untergeordnete Rolle. Über die gesamte Lebensdauer ist die Wärmepumpe daher klar klimafreundlicher als alle fossilen Alternativen.
Weitere Informationen zur Energiewende und zum Klimaschutz finden Sie auf der Webseite oeko.de.