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Wenn wir viel drinnen sind, soll es dort auch möglichst gut riechen. Deshalb sind besonders die Wintermonate die große Zeit der Raumdüfte. Was zeichnet sie aus und wie entsteht ihre Essenz?  Ein Besuch in einer Berliner Duftmanufaktur.

Wie kommt man eigentlich auf die Idee, eine Manufaktur für Nischen-Parfüm zu gründen? Stefanie Hanssen wurde im Jahr 2009 in der Berliner Philharmonie dazu inspiriert. Damals saß die Gründerin des Duftherstellers und -händlers Frau Tonis Parfum neben einer Frau, die äußerst angenehm roch. „Ich wollte sie unbedingt nach ihrem Parfüm fragen, aber ich habe mit mir gehadert. Diese Frage erschien mir dann doch zu intim“, erzählt Hanssen. 

Suche nach dem richtigen Duft

In den darauffolgenden Wochen zog sie durch unzählige Parfümerien, um genau dieses Duftwasser zu finden. Allerdings präsentierten ihr die Verkäufer nur große Marken und neue Trends. Niemand hörte ihr wirklich zu: „Der Prozess erschien mir viel zu kommerziell und nicht tiefgründig genug. Also habe ich einfach meine eigene Manufaktur für Parfüm und Raumdüfte gegründet.“ 

Man sieht Stefanie Hansen von Frau Tonis Parfum steht vor Duftflaschen: Die Entwicklung eines Duftes kann bis zu eineinhalb Jahre dauern.
Die Entwicklung eines Duftes dauert bei Frau Tonis Parfum bis zu eineinhalb Jahre. © Bernhard Huber

Frau Tonis Parfum: Eigene Duft-Manufaktur

Mittlerweile beschäftigt die Duftliebhaberin 14 Mitarbeiter und verkauft ihre Kreationen in einer Berliner Boutique sowie in ausgewählten Kaufhäusern. Frau Tonis Parfum ist gewachsen, doch schon beim Betreten des kleinen Ladens im Stadtteil Mitte wird deutlich, dass hier eine andere Atmosphäre als in großen Parfümerien herrscht.

Das perfekte Raumparfum

Man wundert sich zunächst über den leichten Duft, der durch die weiß gestrichenen Räume schwebt. Es riecht frisch, aromatisch, etwas sommerlich. Keine schwere Duftwolke, wie man sie möglicherweise aus Parfümabteilungen von Shoppingmalls gewohnt ist. 

„Das ist das Geheimnis des perfekten Raum­duftes: Man nimmt ihn zunächst gar nicht wahr.“ 

Im Idealfall löst ein Raumduft trotz seiner Subtilität ein freudiges Gefühl aus, erzeugt gute Stimmungen bei den Bewohnern. Das Besondere an Innenräumen: Darin haben sich ohnehin bereits viele Eigengerüche gesammelt. Daher sollte der unterliegende Raumduft am besten leicht und euphorisierend sein. 

„Wir bringen alle unseren Körperduft mit und haben womöglich Parfüm aufgetragen, dann kommt vielleicht noch Kaffeegeruch dazu“, erklärt die Expertin. In ihrer Manufaktur liegt der Raumduft „Linde Berlin“ in der Luft. Hanssen wollte damit den Frühsommer in der deutschen Hauptstadt einfangen: „Linde erinnert mich an warme Leichtigkeit und Gespräche in der Sonne. Es liegt aber auch grüne Natur darin.“ 

Eine Reihe von Apothekerflaschen mit Düften von Frau Tonis Parfum: Man riecht direkt am Stopfen, da der Duft dort unverfälschter ist.
Riecht man direkt am Stopfen der Apothekerflaschen, ist der Duft unverfälschter. © Bernhard Huber

Inspiration für neue Düfte

Wenn sich ein Duft ausbreitet, kann er wunderbare Geschichten erzählen. Allerdings ist der Kreationsprozess eine große Herausforderung. Ob Parfüm oder Raumduft: Von der ersten Idee bis zum fertigen Flakon können bis zu eineinhalb Jahre verstreichen. 

Ganz am Anfang steht bei Frau Tonis Parfum immer eine Grundidee, auf die Stefanie Hanssen durch inspirierende Erlebnisse oder auf Reisen kommt. In ihrem neuesten Parfüm beschreibt sie beispielsweise eine Ägyptenreise und spielt mit dem Odeur von schwarzem Tee und Früchten, besonders mit Quitten, die man dort zum Süßen des Tees verwendet. „Ich schaute mir eines Tages den ägyptischen Sonnenuntergang an und trank einen guten Whisky. Dieses Erlebnis wollte ich olfaktorisch festhalten“, erzählt sie. 

Experimentieren für das perfekte Parfum

Sobald die Grundidee steht, experimentiert das Team mit unzähligen Duftstoffen und testet die Mischungen unter verschiedenen Bedingungen. „Wir sind eine kleine Manufaktur und erledigen alles in Handarbeit“, sagt Stefanie Hanssen. Manchmal sind es bis zu 200 Aromen und Zutaten, welche das vollmundige Parfüm zum Abschluss bringen. Es sind viele Eindrücke, die sich schließlich im ägyptisch anmutenden Duft manifestiert haben – sogar eine Nuance des wohlschmeckenden Whiskys. 

Parfumetnwicklung bei Frau Tonis Parfum: Eine Frau riecht an einem Teststreifen.
Ein Raumduft von Frau Tonis Parfum enthält bis zu 200 Zutaten. © Bernhard Huber

Nachhaltig produziert

Bei der anschließenden Produktion spielt Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle, denn Frau Tonis Parfum setzt auf eine umweltfreundliche Herstellung in Europa. Die verwendeten Blüten sind nicht pestizidbelastet, zudem fällt in der Parfümerie wenig Müll an. Im Idealfall schnuppern die Kunden zum Testen direkt am Stopfen eleganter Apothekerflaschen, in denen die Düfte präsentiert werden. So bleibt der Duft unverfälscht und rein. 

Zudem sind die Umverpackungen neutral gestaltet, damit sie für alle Flakons im Sortiment verwendet werden können und weniger Ausschuss anfällt. Es gibt eine Einheitsverpackung für Parfüms, eine zweite Größe für Raumdüfte. 

Diese ressourcensparenden Gedanken bekam die Gründerin von ihrer Großmutter in die Wiege gelegt. Frau Tonis Parfum ist nämlich keine Marketing-Fiktion, sondern eine echte Person. 

„Wir Menschen verbinden mit Zitrusdüften einen Neuanfang. In der Regel stimmen sie uns hoffnungsvoll.“ 

Der Grund ist simpel: Im Frühjahr fängt alles an zu blühen, die Natur erwacht und schenkt neues Leben. Ebenso können durch bestimmte Düfte Kindheitserinnerungen geweckt werden. In der dunklen Jahreszeit empfinden viele Menschen reinen Vanilleduft als glücksbringend, weil man sich an die selbst gebackenen Kekse der Großmutter erinnert. „Wir fühlen uns geborgen und gut aufgehoben. Ich umgebe mich im Winter gerne mit Vanilleduft, um dieses wärmende Gefühl zu locken“, erzählt Hanssen. 

Parfumentwicklung bei Frau Tonis: Die Kreation eines neuen Raumduftes wird diskutiert
Kreation eines neuen Raumduftes © Bernhard Huber

Lieblingsduft nachgebaut

Ihren einstigen Lieblingsduft aus der Berliner Philharmonie hat sie übrigens noch heute im Gedächtnis abgespeichert. Es war ein ätherischer Duft mit einer grün-moosigen Note, der gleichzeitig eine immense Frische und Blumigkeit versprühte. Sie konnte den Duft in keiner Parfümerie finden, also hat sie ihn schließlich selbst nachgebaut. „Es war eine große Herausforderung, aber ich bin so nahe wie möglich an meine Erinnerung herangekommen. Für mich gibt es diesen Duft jetzt wirklich.“