Herr Eckhoff, passive Kühlung klingt gut – aber was genau bedeutet das?
Passive Gebäudekühlung umfasst bauliche und gestalterische Maßnahmen, die darauf abzielen, Räume ohne Kühltechnik auf natürliche Weise zu regulieren. Das funktioniert über physikalische Prinzipien wie Verdunstung, Wärmeleitung, Konvektion und Strahlung. Die Idee ist, Wärme erst gar nicht ins Gebäude zu lassen oder sie effizient abzuführen. Dabei helfen verschiedene Strategien – von intelligenten Baumaterialien über kluge Lüftungskonzepte bis hin zu Begrünungslösungen.
Welche Maßnahmen sind besonders effektiv gegen sommerliche Hitze?
Es gibt bewährte Methoden, die einzeln oder kombiniert eingesetzt werden:
- Dämmung der Gebäudehülle: Eine gute Dach- und Fassadendämmung hält nicht nur im Winter die Wärme drinnen, sondern schützt auch im Sommer davor, dass sich das Haus aufheizt. Besonders das Dach ist entscheidend, weil hier die Sonneneinstrahlung am stärksten ist.
- Verschattungssysteme: Jalousien, Markisen oder Pergolen verhindern die direkte Sonneneinstrahlung auf Fenster. Auch das Glas macht einen Unterschied: Dreifachverglasung mit niedrigem UW-Wert reduziert die Einstrahlung. Bäume sowie Dachüberstände und Balkons spenden zusätzlich natürlichen Schatten.
- Smarte Lüftung: Nachts oder früh morgens lüften, wenn die Luft noch kühl ist, hilft enorm. Besonders effektiv ist die Querlüftung, bei der Fenster an gegenüberliegenden Seiten geöffnet werden, um einen Luftstrom zu erzeugen. Unterstützend wirkt, im unteren und oberen Geschoss gleichzeig Fenster zu öffnen, denn warme Luft steigt nach oben. Von unten kann so kühlere Luft nachströmen.
- Thermische Masse nutzen: Baustoffe mit hoher Wärmespeicherkapazität wie Beton, Ziegel oder Lehm speichern Wärme tagsüber und geben sie nachts, wenn es kühler wird, wieder ab.
- Verdunstungskühlung: Wasserflächen, Fassaden- und Dachbegrünungen wirken wie eine natürliche Klimaanlage. Sie spenden Schatten, verdunsten Wasser und senken die Umgebungstemperatur – ideal für Stadtgebäude.




Welche Vorteile hat passive Kühlung gegenüber Klimaanlagen?
Passive Kühlung ist nachhaltig, kosteneffizient und umweltfreundlich. Sie bietet gleich mehrere klare Vorteile: Passive Maßnahmen benötigen wenig bis gar keine elektrische Energie und senken dadurch den Energieverbrauch deutlich. Das spart nicht nur Kosten, sondern schont auch Ressourcen. Zudem ist die passive Kühlung klimafreundlicher, da sie komplett ohne mechanische Kühlung und klimaschädliche Kältemittel auskommt. Sie benötigt außerdem wenig bis keine technischen Geräte, die gewartet oder ersetzt werden müssen. Und passive Kühlung ist eine Investition in die Zukunft: Gebäude mit durchdachter Dämmung, Verschattung und Lüftung sind widerstandsfähiger gegenüber zunehmenden Hitzewellen – ein Vorteil in Zeiten des Klimawandels.
Was raten Sie Hausbesitzern, die nachträglich für eine bessere Kühlung sorgen wollen?
Auch in Bestandsgebäuden kann man mit einfachen Maßnahmen die sommerliche Hitze in den Griff bekommen:
- Sonnenschutz nachrüsten: Rollläden sowie helle reflektierende Außenwandfarben reduzieren die Hitzeaufnahme drastisch. Eine besonders einfache und kostengünstige Lösung sind Sonnenschutzfolien: Sie lassen sich auf Fensterscheiben anbringen und reduzieren den Wärmeeintrag um bis zu 80 Prozent, ohne den Einfall des Tageslichts stark zu beeinträchtigen.
- Dach- und Fassadenbegrünung: Durch nachträgliche Dachbegrünung lässt sich die Dachtemperatur um bis zu 40 °C senken. Das wirkt sich auch auf die Innenräume positiv aus. Rankpflanzen oder begrünte Fassadenelemente verringern zudem die direkte Sonneneinstrahlung und fördern die Verdunstungskühlung.
- Wärmeschutzverglasung: Gerade bei älteren Gebäuden ist der Austausch der Fenster eine sinnvolle Maßnahme, um einer Überhitzung des Gebäudes durch Sonneneinstrahlung entgegenzuwirken und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die Wärme im Winter im Gebäude bleibt. In manchen Fällen besteht die Möglichkeit einer Förderung durch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA).
- Natürliche Lüftung verbessern: Falls möglich, können Dachluken oder Oberlichter nachgerüstet werden, um warme Luft besser nach oben entweichen zu lassen. Automatische Lüftungssysteme mit sensorgesteuerten Fensteröffnungen können die Lüftung unterstützen.
- Intelligente Steuerungssysteme: Smart Homes werden immer beliebter. Passive Kühlstrategien können oft mit automatisierten Systemen kombiniert werden, die etwa Jalousien nach Sonneneinstrahlung steuern oder Fenster nachts automatisch öffnen.
- Photovoltaik zur Verschattung: Auf Dächern oder als Fassadenmodule installierte PV-Anlagen erzeugen nicht nur Strom, sie sorgen auch für Schatten und reduzieren damit die eindringende Wärme. Viele Maßnahmen lassen sich mit geringem finanziellem Aufwand umsetzen.
• Fenster tagsüber schließen & abdunkeln.
• Helle Vorhänge oder reflektierende Rollos nutzen.
• Sonnenschutzfolien auf Fenstern anbringen.
Richtig lüften:
• Nachts und früh morgens lüften.
• Querlüftung nutzen.
Wird passive Kühlung in der Bauplanung der Zukunft eine größere Rolle spielen?
Ja, das wird so kommen, und zwar gleich aus mehreren Gründen.
- Steigende Temperaturen und Hitzewellen: Gerade in Städten wird die Überhitzung durch den Klimawandel immer spürbarer. Passive Kühlstrategien sind deshalb eine zentrale Maßnahme für nachhaltige Bauplanung.
- Strengere Bauvorschriften und Energieeffizienzanforderungen: Die EU-Gebäuderichtlinie setzt immer mehr auf energieeffiziente Gebäude, die sowohl im Winter als auch im Sommer wenig Energie benötigen. Passive Kühlung spielt dabei eine Schlüsselrolle.
- Technologische Innovationen: Moderne Materialien und smarte Gebäudetechnik machen passive Kühlung noch effektiver. Beispielsweise gibt es heute schon selbst regulierende Fenster, die sich je nach Außentemperatur automatisch öffnen oder schließen. Alternativ übernehmen künftig Sensoren und KI das automatische Öffnen und Schließen von Fenstern, Jalousien oder Belüftungssystemen. Dazu kommen innovative Baustoffe wie Phasenwechselmaterialien, die Kälte speichern und nach Bedarf abgeben, und reflektierende Fassadenfarben, die die Wärmeaufnahme reduzieren.
Beim Post Tower vermindert reflektierender Sonnenschutz in der zweischaligen Fassade den Wärmeeintrag ins Gebäude. Durch sogenannte Bauteilaktivierung, bei der mit Wasser befüllte Rohre in den Massivdecken verlaufen, wird das Gebäude gekühlt. Das Wasser dafür stammt aus einem Grundwasserbrunnen. Zusätzlich sind dezentrale Zulufteinheiten in der Fassade integriert.
Bei den Bundestagsgebäuden wird zusätzlicher Kältebedarf im Sommer über ein Brunnensystem gedeckt. Im Winter wird Wasser aus Grundwasserbrunnen über Wärmetauscher abgekühlt und in vor dem Reichstagsgebäude liegende Brunnen in einer Tiefe von circa 60 Metern eingespeichert. Im Sommer erfolgt die Entnahme des eingespeicherten kalten Wassers aus den Brunnen.
FAZIT: Mit der richtigen Planung kann auf Klimaanlagen oft verzichtet werden oder sie lassen sich zumindest stark entlasten, so Nils Eckhoff. Das spart nicht nur Stromkosten, sondern sorgt auch für ein angenehmeres Raumklima – nachhaltig und zukunftssicher!